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Martin Roeber

Übrigens scheint bei Bettina Kreßlein der Gebrauch von
Farbe ziemlich landschaftsabhängig zu sein. Vielleicht
spielt auch das Klima mit .
Der große französische Jurist Charles de Montesquieu hat
in seinem bekanntesten Werk, „Vom Geist der Gesetze“, uns
nicht nur eine Lektion in der Theorie der Gewaltenteilung
erteilt, sondern auch versucht, zwischen den Staatsformen,
den verschiedenen Rechtsordnungen und dem Klima einen
Zusammenhang herzustellen. Danach haben etwa die
Engländer ein derart unerträgliches Klima, dass es Lebensüberdruss
verursacht. Ergebnis: Sie werden zu notorischen
Nörglern.


Eine Regierung, die sich in einer Person, einem Tyrannen,
manifestiert, wäre hier nicht angebracht. Also herrschen –
laut Montesquieu – in England seit alters her nicht
Personen, sondern die Gesetze. So können die Bürger
keine Einzelperson als Urheber und Zielscheibe ihres Ärgers
festmachen. Eine interessante Überlegung. Worauf Juristen
so kommen, wenn sie anfangen nachzudenken.
Zum Einfluss des Klimas auf den Künstler ist es da nur ein
kurzer Weg. Man vergleiche Max Slevogts Pfälzer Landschaften
mit seinen Ägypten-Bildern. Die Pfalzlandschaften
erscheinen mild, mäßig; der Sommer ist hier erträglich,
der Herbst wird hier zur attraktiven Jahreszeit. Zwischentöne
dominieren.
Die Ägypten-Bilder desselben Künstlers zeigen nicht nur
andere Motive, sondern andere Farben. Hier herrscht klare
Durchsichtigkeit; den Pfälzer Nebel sucht man am Nil eben
vergeblich. Bei Bettina Kreßlein führt dies zur Faustregel:
Je südlicher, umso farbiger!

Die Leitmotive der Kunst Bettina Kreßleins kehren hier alle
wieder: der Genuss, der Realismus und der Satz des Protagoras,
wonach der Mensch das Maß aller Dinge ist .
Wilde, urtümliche Landschaften, dieses Schwanken zwischen
Heroismus und Idylle, das für Maler der Goethezeit
– etwa Hackert, Reinhart oder Koch – so typisch ist, das ist
nicht Bettina Kreßleins Sache. Die Suche nach dem Echten,
der von Menschenhand unberührten Landschaft, wäre
nicht realistisch. Für Bettina Kreßlein kann es nur die von
Menschenhand gestaltete Landschaft geben.
Auch hier ist der Mensch das Maß aller Dinge, also auch
der Natur. Und die Gestaltung ist von dem dritten der
genannten Kreßlein-Leitmotive geprägt – dem Genuss!

Und auch diese Landschaften machen wieder Lust.
Lust zum Reisen, Lust zum Essen, Lust zum Trinken, Lust,
die Leute kennen zu lernen, die für sie als Maß dienten.