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Martin Roeber

Wir sehen heute nur die schwarz-weiße Seite der Kunst
der Bettina Kreßlein: Radierungen, Tuscharbeiten, Collagen,
die beides verbinden. Die paar Farbtupfer, die Sie heute zu
sehen bekommen, kann man an den Fingern abzählen.
Die Welt also in ein schematisierendes Schwarz-Weiß-
Raster gezwängt?


Das ist Gott sei Dank nicht der Fall. Vor allem die Radierungen
verfügen über eine große Palette von Zwischentönen,
von Grauwerten. Und der aufmerksame Betrachter
wird mit Staunen vermerken, wie differenziert das Spiel
mit nur zwei Farbwerten ausfallen kann.
Die Bilder hängen zu allem Unglück auch noch in einem
Raum, der durch fast freudloses Grau geprägt wird. Dieser
Wartesaal, dieses Vorzimmer zur Gerechtigkeit, soll bei
den Angeklagten, den Klägern und Beklagten wohl allzu
große Erwartungen dämpfen …
Vielleicht bringen Bettina Kreßleins Schwarz-Weiß-Werke
etwas Farbe in das eintönige Grau …

Auf manchen Bildern geht sie mit der Tusche geradezu
verschwenderisch um. Manchmal setzt sie das Schwarz
aber als Konturierung großer weißer Flächen ein. Diese
Bilder könnte man sich genauso gut als Bilder in weißer
Deckfarbe auf schwarzem Grund vorstellen; der Effekt
wäre derselbe.
Schraffierungen mit der feinen Feder schaffen dann
differenziertere Gebilde, mildern das harte Schwarz-Weiß,
die Schlagschatten, zaubern Dämmerung und Halbdunkel.
Beim Bild „Zeitungsleser“ ist es eine große weiße Fläche,
die den Titel markiert. Alles ist auf das Wesentliche reduziert.
Bis zur totalen Abstraktion wäre es nur noch ein
kleiner Schritt. Und dennoch: Diese große, weiße Fläche,
die sich vor dem Kopf des nur angedeuteten Lesers
ausbreitet, atmet Dynamik, scheint sich fast zu bewegen.
Das bisschen Farbe ist den fleischfarbenen Händen
vorbehalten.

Technisch hohe Schule verraten die Radierungen. Es sind
Kaltnadelradierungen, die Druckplatte wird also direkt
mit der Nadel bearbeitet. Das kann zum schweißtreibenden
künstlerischen Unterfangen werden, schöpft man die
ganze Palette der Hell/Dunkel-Werte aus, wie es Bettina
Kreßlein zu tun pflegt.
Zu allem Übel – für die Auflage
zur Freude – der Kunstliebhaber
gestattet diese Technik nur kleine Druckauflagen, wenn
man Wert auf ein optimales Ergebnis legt.

Die Platten sind also nicht geätzt; die Auflage beschränkt
sich in der Regel auf zehn Abzüge. Dafür erlaubt diese
Technik geradezu ein Schwelgen in Grau- und Zwischentönen,
die Schwarz-Weiß-Palette wird plötzlich farbig.

Komponisten schreiben Werke für große, vielfarbige Orchesterbesetzungen
und sie vertrauen dann ihre wichtigste
Musik der Besetzung für Streichquartett an. Sie schwelgen
auf der einen Seite in klangfarblichen Wirkungen. Und sie
beweisen dann ihre Meisterschaft in der Reduktion.
Gerade die großen Orchesterkünstler haben sich immer
wieder in ihrem Ehrgeiz durch die Beschränkung auf die
kammermusikalische Besetzung angespornt gefühlt.
Viele von ihnen – Beethoven, Mozart, Berg, Webern, Bartok –
haben ihre wesentlichen Aussagen dem Streichquartett
anvertraut.
Die technische Beschränkung zwingt, sich auf das Wesentliche
zu konzentrieren. Auch bei der Federzeichnung, bei
der Radierung, kann man nicht mit grellen Farben à la
Miró, mit faszinierenden Farbmischungen à la Böcklin
oder Makart vom Mangel am Wesentlichen ablenken.

Sehr großflächige Radierungen auf nur einer Platte werfen
ein Platzproblem auf. Zu Zeiten Martin Schongauers und
Albrecht Dürers wurde es dadurch gelöst, dass man die
großen Formen aus vielen kleinen Drucken zusammengeklebt
hat. Das hätte Bettina Kreßlein auch tun können.
Inzwischen hat es aber eine Erfindung gegeben:
die Video-Wand.
Das kleine Fernsehformat wird aufgeplustert, indem ganz
viele Glotzkisten, viele Voyeurseinheiten aufeinander
gestapelt werden. Die große weite Welt setzt sich aus
vielen kleinen Fernsehbildern zusammen.